Von Pippi-Alarm bis Kummerkasten !


Wichtige Disziplinen für jeden Jugendtrainer: Schuhebinden und trösten.

 

Jugendtrainer zu sein, ist im Grunde ein großartiger Job. Kinder sind motiviert, Kinder haben Spaß, Kinder machen Spaß, Kinder sind aufnahmefähig, Kinder lernen schnell. Aber: Jugendtrainer heißt auch, mit ganz besonderen Herausforderungen konfrontiert zu sein. Helikopter-Mütter, der erste Liebeskummer, überehrgeizige Väter, der obligatorische Pipi-Alarm in den unpassendsten Momenten. FUSSBALL.DE gibt anlässlich der Themenwoche Nachwuchsarbeit den Überblick.

 

Vorsicht, Eltern: Wichtigste Faustregel für Jugendtrainer: Das Problem sind nicht die Kids, sondern (fast) immer die Erwachsenen. Die Palette ist riesig. Da ist zum Beispiel der Vater, der früher in der C-Liga zu Hause war (als Ersatzspieler) und seinem sechsjährigen Sprössling nun ständig Anweisungen zu Fünferkette, falscher Neun und abkippenden Sechsern ins Ohr hustet. Oder der besonders ehrgeizige Erzeuger, der im vollschlanken Sohnemann, der den Ball weiter stoppt als viele Mitspieler schießen, einen kommenden Bundesligaspieler vermutet und diesen vom Coach nicht ausreichend gefördert sieht. Der Ehrgeizling ist auch daran zu erkennen, dass er die Fair-Play-Liga in G- und F-Jugend für ausgemachten Blödsinn hält. Was soll denn daran nur gut sein, dass die Eltern mindestens 15 Meter vom Spielfeld entfernt sein müssen…

 

Auch beliebt: Helikopter-Mamas, die beim ersten Regentropfen den Nachwuchs nicht ins Training lassen („Bei dem Wetter kann man doch nicht raus. Und dann noch schwitzen! Da wird der Bub nur krank“) oder bei Temperaturen unter 15 Grad ihr Kind nur mit Mütze, Handschuhen, Schal und Strumpfhose spielen lassen. Da kann es als Trainer schon ein Erfolg sein, ihnen zumindest den Anorak und die Schneestiefel auszureden.

 

Vorsicht, Klamotten: Irgendwas ist immer offen. Ob Jacke oder Schuhe. Oder beides. Gerade in jungen Altersklassen. Bei den Älteren dann eher mal der Hosenstall. Offensichtlich ist: An der Erfindung des Reißverschlusses war garantiert kein F- oder E-Jugendlicher beteiligt. Wichtigste Disziplin für einen Trainer ist allerdings das Schuhebinden. Wer die Schnürsenkel seiner Schützlinge im Eiltempo zusammengeknotet bekommt, kann entscheidende taktische Vorteile erzielen. Augen auf außerdem bei den Schienbeinschützern. Werden sehr gerne vom Nachwuchs beim Anziehen vergessen. Oder in der Kabine liegen gelassen. Nach dem Abpfiff sind die Textilaufgaben übrigens noch lange nicht erledigt. Wer einmal in der Kabine alle Trikots, Hosen und Stutzen (garantiert zu 80 Prozent auf links gedreht) verzweifelt zusammengeklaubt hat, wird wissen, wovon die Rede ist. Und wenn man schon fast auf dem Heimweg ist, kommt garantiert noch ein Nachzügler in voller Montur, der erstaunt fragt: „Oh, habt ihr euch schon alle umgezogen?“

  

Vorsicht, Klo-Alarm: „Ich muss mal.“ Drei Worte, bei denen der Trainerneuling zusammenzuckt, der Routinier gelassen die nötigen Maßnahmen ergreift und der semi-erfahrene Coach genervt mit den Augen rollt. Leider kommt die Nachricht oft in den unpassendsten Momenten – zum Beispiel wenn man vor drei Minuten in der Kolonne zum Auswärtsspiel losgefahren ist oder die Mannschaften gerade im Begriff sind einzulaufen. Der Tipp: Vorher schon nach passenden Örtchen zum Improvisieren Ausschau halten. Später dann: Ruhe bewahren und einfach laufen lassen. Die Königsdisziplin wartet, wenn aus drei vier Wörter werden: „Ich muss mal – groß!“ Darum: Vorsichtshalber immer Taschentücher einpacken. Wenn der Umkleidetrakt 100 Meter entfernt liegt und jede Sekunde zählt, sollte kein Trainer auf die Blätter des nächstliegenden Laubbaums zurückgreifen müssen.  "Ich muss mal - groß!"

 

Vorsicht, Blumenpflücker: Mit der Konzentration ist das bei Kindern so eine Sache. Wenn der Ball auf der anderen Seite des Spielfeldes rollt und der Trainer die eigenen Wünsche ignoriert („Ich will auch mal im Tor spielen“), kann es schon sein, dass die Gedanken abschweifen. Da sind dann eben die Vögel am Himmel interessanter oder das zart wachsende Blümchen vor den Füßen auf dem Spielfeld, zu dem man sich setzen kann. Auf Kunstrasen wird das Granulat rausgefriemelt, auf dem Ascheplatz ein bisschen mit den Fingern im Schlamm geditscht. Achtung, Trainer: Bloß nicht schimpfen. Lieber einen Ball geben und die Konzentration darauf lenken. Oder die kleinen Träumer behutsam zur Seite tragen und sie machen lassen. Irgendwann ist auch das schönste Blümchen nicht mehr so interessant.

 

Vorsicht, Hormone: Auch Blumenpflücker werden älter. Und größer. Und behaarter. Und launischer. Teenager, die Terroristen des Familienlebens, sind tickende Zeitbomben auf zwei Beinen. Wenn man sie falsch anfasst und nicht die richtigen Drähte erwischt – boooom. Darüber hinaus gibt es noch das andere Geschlecht, das früher total doof, aber jetzt auf einmal immer anziehender wird. Da können Fußball und Mannschaft schon mal aus dem Fokus geraten. Also: Dicken Panzer anlegen und schön sensibel sein. Gerade wenn der erste Liebeskummer schwer auf dem Herz von Spieler oder Spielerin lastet. Es war nun mal die große Liebe – bis zur kommenden Woche.

 

Vorsicht, Party: Kindergeburtstage sind eigentlich eine feine Sache. Strahlende Kids, viele Geschenke, noch mehr Süßigkeiten. Blöd nur, wenn Mama die Geburtstagsfeier auf einen Trainingstag (noch besser: Spieltag) gelegt hat und fast das gesamte Team eingeladen ist. Behutsames Hinweisen sollte sicherlich dem sofortigen Einsatz der Holzhammer-Ansage vorgezogen werden. Mit zunehmendem Alter werden Kollisionen mit dem Training seltener. Aus Feiern werden Partys – und die steigen später, dauern aber auch länger. Was wiederum zu Problemen bei Spielen am Sonntagvormittag führt. Nachzulesen im Leitfaden: „Die Einsamkeit des A-Jugend-Trainers beim Treffpunkt.“

 

Vorsicht, Schule: Schlechte Noten sind schlecht für alle. Für die Schüler. Für die Eltern. Für die Mannschaft. Für den Trainer. Gerade dann, wenn Eltern zur pädagogisch fragwürdigen Entscheidung greifen, bei schulischen Problemen ein Fußballverbot zu verhängen. Später, in B- und A-Jugend, hat man es dann zum Teil mit den (weh-leidenden Lernern zu tun. Zu erkennen sind diese am völligen Nichtvorhandensein von Zeitmanagement und dem glasklaren Bewusstsein, dass niemand jemals so viel Last zu schultern hatte wie sie. Leidende Lerner lernen rund um die Uhr – glauben sie. Sie verzichten allerdings weder auf ihr Mittagsschläfchen noch sind sie bereit, an Wochenenden vor 12 Uhr aufzustehen - um sich dann zu wundern, wo die Zeit nur wieder geblieben ist. Dass es eventuell möglich ist, so zu pauken, dass zweimal pro Woche 90 Minuten Zeit fürs Training bleibt, übersteigt die Vorstellungskraft des leidenden Lerners. Zu lernen, dass man dann vielleicht auch mal auf der Bank sitzt, fällt ihm ebenfalls schwer.

 

Autor: Jochen Breideband